Montag, 15. April 2013

Venom


Tag ?

Ah, endlich Schreibzeugs musste Pet dafür nen ziemlichen Gefallen tun aber an so was gewöhnt man sich hier im Knast ganz schnell. Hab ihm 'n paar Kippen besorgt – war gar nicht so einfach aber Frank aus der Wäscherei hat da so seine Connections…



Wow, 3 Jahre ist es her, dass ich mich das letzte Mal geistig betätigt hab. Fühlt sich gut an ;)

Kann sogar noch schreiben – nur was? Passiert ja nix hier…



Sie haben mich in die Wäscherei gesteckt…Wahnsinn, fast 3000 Jahre gesellschaftlicher Evolution, und doch sind es wieder die Frauen, die das dreckige Zeugs für den gesamten Knast waschen dürfen… Kein Kommentar

Wenigstens hab ich hier die Möglichkeit mit den anderen Mädels zu reden – auch wenn wir ziemlich überwacht werden. Mein Hirn verkümmert also nicht vollends…



Tag – was auch immer

Craig war wieder da. Ich schwöre, wenn ich hier rauskomme wird es ihm schlecht ergehen, diesem Schwein. Wir haben hier zwar meist weibliche Aufseher – ich weiß nicht wie Craig diesen Posten als Supervisor bekommen hat – jedenfalls wird er regelmäßig alle paar Monate bei uns eingesetzt.



Ich habe eine neue Taktik:

Wenn er kommt, flüchte ich mich in Träume von Joseph. Verdammt, ich weiß es ist erbärmlich – wenn in diesem Leben überhaupt etwas noch erbärmlicher sein kann als das tägliche Leben. Aber es hilft gegen Craig.



In solchen Momenten nimmt Joss mich in den Arm, sagt dass er mich liebt und dass er alles mit der Wach & Schließ geklärt hat. Er sagt, es sei alles nur ein Missverständnis und er holt mich hier raus… So lässt sich das alles hier wenigstens für eine kurze Zeit ertragen…

Craig gefällt meine neue Taktik gar nicht. R mag es lieber wenn ich mich wehre und schreie. Deswegen schlägt er nun noch fester mit seinem Elektroschlagstock zu – doch ich sage keinen Ton, denn ich bin ja gar nicht da…



Tag scheißegal

Verdammt, Frank, der immer die wagen mit der Wäsche bringt und abholt ist weg! Mist, eine wichtige Connection weniger!

Stattdessen ist da jetzt so ein Lulatsch von Elf, nicht sehr gesprächig. Gut dass ich das Schreibzeug bereits hab. Wo krieg ich denn jetzt meine verdammten Kippen her?





Tag leck mich am Arsch

Ha! Wusste ich’s doch! Der Elf mit dem Wäschewagen – Pyro nennt er sich – ist auch magiebegabt!! Versucht es immer zu verstecken – aber ich hab gesehen wie er mit den Händen immer wieder die typische Feuerball Geste machte! Aber auch er trägt fesseln wie ich.

Ich saß auch am Anfang tagein tagaus in meiner Zelle und spürte die Kraft nicht mehr, versuchte sie aufzuspüren, doch nur Leere, genauso schlimm wie die ständigen Reflexe, in denen sich der Zauber formte und mein schrei nach dem gewohnten Gefühl des Astralen Stroms in einem leeren Raum zu verhallen schien… Mittlerweile zweifle ich schon daran, ob ich jemals wieder Zugang erlangen werde…



Tag unwichtig

Pyro ist etwas gesprächiger geworden – na ja, ich geb zu, die Gespräche sind recht einseitig weil ihn so gut wie nichts zu interessieren scheint – aber ich halte ihn auf dem Laufenden und er hört zu – ein Fortschritt…

Würde zu gern wissen warum er hier ist…Na ja, würde wahrscheinlich eh nicht die Wahrheit erfahren. Wär auch ganz schön blöd…Grad in meinem Fall. Keine gute Idee zu erzählen dass meine große Liebe mich die gesamte Zeit getäuscht hat um ein paar Informationen aus mir herauszupressen – was ihm zu meiner Schande auch gelungen ist . Puh, wenn man mich hier für so naiv und dämlich halten würde, hätte ich wohl ein härteres Leben…



Obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass man in einer Ehe nicht ständig über seinen Job schweigen kann – und JA wir wollten heiraten!



Ach verdammt, Medea Du dumme Kuh! DU wolltest heiraten! Er wollte nur seine Karriere an Dir aufpeppen…Allerdings frage ich mich immer noch, wie man Augen so sehr verstellen kann… Sie waren so warm, so zärtlich…Ich hätte nie gedacht dass er mich nicht liebt… Vielleicht wurde er gezwungen? Vielleicht liebte er mich ja doch und konnte nur nicht anders? ER war immer da, mit seinen starken Armen…Und dann…Die Kälte als er mein leben zerfetzte. Die Fröhlichkeit, mit der er sich für die Infos bedankte und mir ausbreitete, was er damit tun würde….Das lachen wie ich das nicht hätte merken können, ich „tolle“ Spionin…Das war doch nicht Joss, mein Joss…

Verdammt, ich liebe ihn noch immer, und keine Marina hier, die mir das ausreden kann…

Medea, jetzt reicht's aber! Er war ein Arsch und er hat dich nur benutzt! Irgendwann muss Schluss sein mit Deinen Traumwelten!!!



Tag irrelevant

Zurück zu meine „offiziellen“ Version meiner Karriere hier .Bin bei hoher Spionageaktion geschnappt worden weil einer aus meinem Team ausgetickt ist und wild um sich geschossen hat, dabei mehrer Menschen tötete – auch Leute von uns…Urteil: Beihilfe zum mord, Einbruch, schwerer Diebstahl von Konzerneigentum… Hört sich gut an, oder?

Ungefähr so stimmt das ja auch…. Fast….

Nach dem rausschmiss bei der Wach & Schliess hab ich mich auf der Strasse rumgetrieben und keinen Job mehr bekommen. Da bin ich mit ner Horde Stümper – Kids los um beschissen unwichtige Infos du Geräte zu beschaffen…Wie zu erwarten war bauten die Kids Scheiss, und alles wie gehabt…Anklage: Spionage, Einbruch, raub.

Nicht ganz so spannend, hm?



Tag so was von scheißegal

Heute gab’s mal wieder ne Schlägerei. Diesmal hatte Martas Gruppe die Überhand. Hab ordentlich mitgemischt – mit ner gebrochenen Rippe fühlt man sich gleich viel lebendiger.

Obwohl ich froh bin, nicht Marta gegenübergestanden zu sein…dann sähe ich wahrscheinlich schlimmer aus…Es ist immer wieder herrlich zu beobachten mit wie viel Angst vor uns unsere Wach-Mädels die Stöcke gegen uns einsetze- als ob wir mit den 1000 Gittern uns Alarmen irgendwas machen könnten… Danke, aber die Hunde des Gefängnisses möchte ich nicht näher kennen lernen müssen…

A propos: Man munkelt einer im Männertrakt sei seine magischen fesseln losgeworden… wüsste zu gerne wie…musste schmunzeln bei dem Gedanken, wie viel magiebegabte nach dieser Nachricht neuen Mut geschöpft haben uns d stundenlang heimlich an ihren Fesseln rumwerkeln…

Ich habe das längst aufgegeben – da läuft nix ohne die Karte…Der Kerl muss nen Wärter bestochen haben ...aber womit?

Man gerüchteköchelt wild er habe sich in einen Wolf verwandelt und sei auf und davon…Keine Ahnung as davon stimmt, aber eine solche Geschichte bietet Stoff zum träumen….



Tag XX

Craig hat erfahren dass es eine ganz schön dumme Idee ist, mir sein dreckiges Ding zwischen die Zähne zu schieben – zum ersten mal waren es seine Schreie in meiner Zelle – nicht meine . Aber Mann, der Kerl weiß wie man seinen Schlagstock so einsetzt dass keine allzu sichtbaren Schäden bleiben.



Bald sollen en Ladung Frischlinge ankommen – vielleicht lässt er mich dann in Ruhe – und auch Monika, an der er seine ganze Wut nach mir augelassen hat. Na ja, mit seinem Ding stellt er zumindest die nächsten Wochen nichts mehr an, wie er das wohl seiner Frau erklärt.



Tag XX +1



Dieses Arschloch! Gestern Ist er bei Monika zu weit gegangen! Sie konnte heute nichtmal in der Wäscherei arbeiten weil sie ständig zusammensackte! Ich kenne Moni über Marina, meine Süße im Stuffershack in Hamburg. War so blöd ne Affäre mit nem verdammt hohen Tier laut werden zu lassen – man schaffte sie hierher bis die Affäre vergessen ist – das ist jetzt 2 Jahre her…

Mist, diese vedammten Fesseln!!

Ich fühle mich nur wie ein halber Mensch ohne meine Magie…



Tag was weiß ich

Kacke, wieder von Joseph geräumt. Wir haben geheiratet. Mutter war glücklich. Mutter… Als ich geflogen bin, hab ich ihr erzählt ich gehe auf eine geheime Mission in Guatemala und würde mich erstmal nicht melden können. Das ist jetzt 4 Jahre her. Ich glaube sie denkt ich bin tot…

Mann, schon 4 Jahre seit Joss…

Seit ich untertauchen musste… Wenn Mutter wüsste wo ich bin…

Na ja, sie hat ja Konstantin, meinen heiligen Bruder. Auf den kann sie nun all ihren Stolz fokussieren… Wenn sie wüsste was er bei der Renraku wirklich macht… Ich hab das über John erfahren und hab es Mutter nie erzählt. John mein süßer John, der Ewigkeiten in mich verliebt war… Oh Gott, was er wohl sagt würde wenn er mich jetzt sähe…Die roten Haare stumpf, viel zu dünn, mit den allgegenwärtigen blauen Flecken…Er fände mich sicher nicht mehr toll…

Na ja, ich schweife ab. Is ja auch egal.

Seine süße, fröhliche Medea mit den niedlichen Rundungen, dem glänzenden Haar, die immer gut in der Schule gewesen ist und in allem und jedem das Gute sah – die ist weg. Die klebt irgendwo in den Ritzen der Fliesen meiner Zelle…





Tag 1 meines neuen Lebens



FREIHEIT!!! Das gibt’s doch nicht!!! Wahnsinn! Ich kann’s bis jetzt kaum glauben was in den letzten Tagen passiert ist!!! Ich weiss gar nicht so recht wo ich anfangen soll!! Wir saßen in diesem Gefangenentransport, der uns wohl versetzen sollte. Der Einzige mit dem ich schon mal gesprochen hatte war Pyro mit dem Wäschewagen. Den Rest kannte man wenn überhaupt nur vom Sehen. Ich war ganz froh etwas Abwechslung zu haben, auch wenn eine Versetzung wohl bedeutete, keinen Kontakt mehr mit meinen Mädels zu haben… Aber vielleicht brachte es mich ja weit weg von Craig…



Naja, ich wills kurz machen, es gab nen Riesenrums, ein so krasser Unfall, das vorne alles zerschmettert war. Fahrer und mindestens eine Wache waren tot. Danach ging alles ziemlich schnell. Der wagen füllte sich mit Rauch und machte mich ziemlich schwindlig. Irgendwie haben wir uns von den Fußfesseln befreien können. Schüsse. Ich warf mich auf den Boden. War ich schon im vorderen Bereich des Wagens? Ja, ich glaube schon. Gemeinsam mit Pyro versuchte ich an die Schlüsselkarte für die Magiehandschellen zu kommen. Der Wagen wurde durchlöchert und die Tür flog auf. Etwas stürzte herein, schoss um sich und befreite einen der als gefährlich eingestuften Einzelhaftgefangenen… Die Tür ließ er offen, glaub ich zumindest. Ich lag am Boden, Leute bewegten sich über mir. Die Schlüsselkarte fällt auf den Boden, ich schnappe sie. Einer der Schwerverbrecher steht über mir. Qualm, Angst, Chaos. Plötzlich bin ich frei von den Fesseln. Die Macht pulsiert wieder in mir, sie strömt. Ich lebe wieder! Ich habe eine Waffe in der Hand…woher??? Ich stürze nach draussen. Viele Gefangene stehen vor den 3 vollkommen zerbeulten Bussen. Die Wachen scheinen alle tot zu sein. Man zerrt sie ins Freie und fleddert ihre Leichen. Ich drehe mich angewidert ab… Was nun, Verwirrung, bin immer noch nicht ganz klar im Kopf vom Qualm. Ich habe nur noch ein halbes Jahr vor mir - ist es das wert? Ach was, ich habe sowieso keine Zukunft mehr in meinem Konzern, scheiße, keine Ahnung. Ich drehe mich um, sehe Pyro und noch einen auf ein Motorrad zusteuern. Vollidioten, über die Strassen kommen sie nicht weit.



Auf einmal dämmert es mir. FREIHEIT! Ich beginne zu rennen, in Richtung Waldrand. Wenn wir wegkommen, dann nur da durch, die Bäume geben uns ein wenig Deckung. Der Schwerverbrecher von eben rennt auch da hin. Ich glaube er hat mir geholfen… hat er? Habe ich von ihm die Waffe? Ich glaube schon… Ein Troll ist bei ihm.

Plötzlich mache ich mir Sorgen um Pyro, das einzige Wesen in all dem Chaos, das ich kenne, der mir plötzlich etwas zu bedeuten scheint in der chaotischen weite um mich herum. Ich drehe mich um, verdammt das war doch klar.



Diese Noobs, was denken die sich?!? Sie stehen bei dem Motorrad und die Meute nähert sich ihnen drohend. Pyro brezelt einen mit nem Betäubungsblitz weg. Wusst ich’s doch er hat es genauso vermisst wie ich!!! Scheisse was machen die da? Die Meute scheint noch wütender zu werden und kreist sie ein. Wenn Pyro lebend da raus soll, muss ich was tun. Er scheint zwar gut zu sein, aber eine solche Meute schafft auch er nicht. Gegen mich wird er sich wehren können, aber sein kleiner Kumpel nicht. Sie scheinen entschlossen zu sein zusammen zu bleiben, kennen sich wohl. Ich übernehme ihn. Er sprintet auf meinen Willen los. Pyro schaut sich um und läuft nach. Ich muss grinsen in all dem Wahnsinn. Was die beiden wohl denken? Hoffentlich macht der Kleine keinen Aufstand.



Gerade rechtzeitig erreichen wir den Waldrand, hinter uns haben andere Gestalten in orangen Anzügen die gleiche Idee. Scheisse, wir müssen schnell hier weg. Der Schwerverbrecher – Sweets heisst er wie er uns später erzählte - und der Troll sprinten los, der Troll hackt Bäume und alles andere aus dem Weg, so dass wir schneller weiterkommen. Vielleicht haben wir eine Chance. Ich habe keine Ahnung wie lange wir so gelaufen sind. Ich konnte nicht denken nur fühlen – und es fühlte sich gut an! Ich lebe!!!








Mittwoch, 13. März 2013

Wine


Ein Empfang wie jeder andere. Prof Hobbs nahm ein Glas Champagner entgegen, das ihm gereicht wurde und schaute sich gelangweilt um. Hohe Decken, Kronleuchter, gedämpfte Musik, Stehtische mit weissen Hussen, kellner, die umher huschten und Menschen, die sich in ihrer Wohltätigkeit suhlten.
Beanie, seine Doktorandin winkte von hinter dem Kartenpult und kam quer durch den Raum auf ihn zu. 
Prof Hobbs! Rob musste grinsen. Dieses Mädchen sah aus wie immer. Jeans, Spruchtshirt, verrückter bunter Schal, Nerdbrille und das immerwährende Beanie das auf ihrem blonden Pony saß. "Hi Jess, hast du sie schon gesehen?" Er hasste Smalltalk und das wusste Beanie. "Klar, alles ausgekundschaftet. Sie steht dort drüben mit dem Leiter der Fakultät." Beanie und Rob verdrehten gleichzeitig die Augen bevor Rob seinen Blick durch den raum schweifen liess. Da! Er hob angenehm überrascht eine Braue und rief kurz noch einmal das, was er über Miss Keyes, Gründerin der 'Hobby for Charity' Bewegung, die momentan durch das ganze Land fegte, gelesen hatte. Ja klar, sie hatte BWL studiert. Kein Wunder, dass sie nicht aussah wie der Hippie den man hinter einer Wohltätigkeitsstiftung, die mit selbstgestrickten Schals angefangen hatte, vermuten würde. Im Gegenteil. Sie trug ein schlichtes Etuikleid, das ihre Sanduhrfigur hervorragend zur Geltung brachte ohne lasziv zu wirken und einfache schwarze Pumps. Ledigich der pink-schwarz gestreifte Strickschal und die passende Filzblüte im dunklen Pferdeschwanz liessen darauf schliessen, dass sie dazugehörte. 

"Na, dann wolln wir mal." murmelte Rob und machte sich auf den weg quer durch den Raum zu ihr.
Ihr Blick fing seinen noch bevor er ihren Stehtisch erreicht hatte und sie kam strahlend auf ihn zu. Wow, das lächeln nahm ihr noch einmal locker 10  Jahre ab und liess sie wie gerade Mitte 20 wirken. Sie schüttelte ihm warm die Hand. "Prof Hobbs! Wie schön, dass sie kommen konnten! Beanie kenne ich ja schon, sie ist ja seit längerem Mitglied unserer Community." Sie nickte Beanie zu. Kannte sie jedes Mitglied persönlich? schoss es Rob durch den Kopf. Hobby for Charity hatte mittlerweile mehrere hundert feste Mitglieder und noch viel mehr freischaffende Mitarbeiter. "Miss Keyes, ja es ist mir eine Freude hier zu sein. Ich denke, ich könnte mit meinem neuen Projekt einiges zu ihrer Stiftung beitragen!" Er nahm den ersten Schluck seines Champagners und war angenehm überrascht, Freixenet, 5 Euro die Flasche. Sie schien seinen Blick bemerkt zu haben und zwinkerte ihm zu: "Schliesslich soll das hier kein Nobelbesäufnnis auf Kosten einer wohltätigen Stiftung werden! Das Geld ist woander besser aufgehoben als in Schampus." Ihr Lächeln war ansteckend. "Auf den edlen Tropfen!" er hob sein Glas. "Auf den edlen Tropfen!  wiederholte ein sehr schlacksiger blonder Mann im grauen Nadelstreifenanzug und stellte sich zu ihnen. "Ah, Magnus, darf ich vorstellen? Das ist Prof Hobbs, von dessen Projekt ich dir letztes erzählt habe. Professor Hobbs, Magnus von Treyer, unser Anwalt. Und mein guter Engel!" Von Treyer hielt ihm förmlich seine Hand hin. "Ach ja, der Weltverbesserer, der Medikamente umsonst verteilen möchte. Seien Sie mir nicht böse wenn ihnen das keiner abnimmt." Na, was für ein Engel, dachte Rob, wandte sich dann aber schlicht an seine Gastgeberin. "Miss Keyes..." "Nennen Sie mich Britt," unterbrach sie ihn, "das tut hier jeder!" "Also, Britt," setze Rob erneut an, diese Ami Allüren... "ich würde mich freuen wenn wir uns zu einer genaueren Besprechung des Projekts einmal zusammensetzen könnten." "Gerne." Ihre stahlblauen Augen schauten ihn forschend von unter dem schwarzbraunen Pony an. Wieso fielen ihm genau jetzt ihre Sommersprossen auf? Sie erinnerten ihn viel zu sehr an Katie... "Wissen Sie was?" unterbrach sie seine Gedanken "Hier ist meine Karte. Da steht auch meine Privatnummer drauf. Ich bin noch morgen und übermorgen in München. Rufen Sie mich morgen an, aber nicht vor 11, die Party hier geht sicher noch eine Weile!" Wieder dieses Lächeln. Und wo hatte sie die Karte hergezaubert? Er nahm sie und sah eine kleine Clutch aus schwarzer Wolle gefilzt mit edlen Pailetten dezent eingearbeitet unter ihrem Arm. Um nicht über von Treyers aufgebrachten Blick lachen zu müssen steckte er die Karte ein und begab sich auf sicheres Terrain: "Gerne. Wo haben Sie die Tasche denn her? Selbst gemacht?" "Ganz selber gekauft! Auf unserem Portal natürlich." strahlte sie. "Ich muss jetzt weiter, ich freue mich auf unsere Besprechung morgen! Schön, dass Sie die Zeit gefunden haben." Mit von treyer im Schlepptau wandte sie sich zu gehen.
"Oh mann, der Kerl hätte sicher gerne mal was ganz anderes als ihre Karte weggesteckt," murmelte er in sein Glas. Beanie kicherte und er entschuldigte sich. "Naja, Sie haben ja recht, Prof." erwiderte Beanie, "aber hab ichs nicht gesagt? Die Frau ist trotz des Erfolges offen für alles! nd sie scheint vor nichts angst zu haben.

Das war jetzt ein Jahr her. Und diese Frau hatte vor nichts Angst. Das hatte sie dieses letzte Jahr bewiesen.
Nun saß sie hier neben ihm, auf dem Boden dieses alten Kahns, in Cargohosen, dicken Boots und Khakishirt und fluchte wie eine Bauarbeiter über die Insekten. Auch er litt unter der schwülen Hitze des Amazonas und dem immerwährenden Geviechs. Aber ein bisschen jammern durfte er. Schliesslich hatte er letztes Jahr die 50 überschritten. Was macht man da schon mitten im Dschungel? fragte er sich. Schliesslich war er nicht Silvester Stallone und wie hiess dieser 60jährige Supersöldner, den er spielte? Und doch bereute er den Trip in keinster Weise. Manche Träume sind es wert dafür zu kämpfen...

Am nächsten Tag hatte Rob schon früh angerufen und einen Termin mit Miss Keyes, 'Britt', ausgemacht. Um Punkt 18 Uhr stand er in dem Aufzug, der ihn hoch ins Loft fuhr. "Komm rein!" schallte es durch den Raum. "Bin gleich bei Dir! Wann waren sie beim Du gelandet? Gestern abend? Unwahrscheinlich. Er hatte sie kaum noch zu Gesicht bekommen, schon gar nicht ohne von Treyer. Die Suite war riesig und lichtdurchflutet mit Blick über München. Der Boden aus Kirschholz knarzte sanft als er sich auf den Weg zur Fensterfront machte, vor der cremefarbene Möbel standen. Eine weiche Eckcouch und ein Sessel drängten sich wohlig um einen Kamin. Eine aufgeräumte Küchenzeile wurde von dem riesigen Esstisch aus dem gleichen Nussholz fast verdeckt. "Ja, ich habe ein Fabel für schöne Hotelzimmer, das muss ich zugeben." grinste sie, als sie mit 2 Aperitifgläsern auf ihn zukam. Heute trug sei einen pinkfarbenen Glockenrock mit schwarzem Spitzenbesatz, dazu eine graue Strickjacke, die jemand in liebevoller handarbeit mit Blümchen bestickt hatte. Eine komplett andere Frau als gestern. Der Aperitif passte zu der Farbe ihres Rockes. Wieso fielen ihm immer so sinnlose Details auf? Er nahm ihr ein Glas ab und prostet ihr zu "Britt! Schön, dass wir es so spontan einrichten konnten!" Sie nickte. "Robert. Auf mutige Ideen." Sie nahm einen kräftigen Schluck.
"Woher kommt eigentlich dieser ganze Reichtum?" er deutete um sich. "Schliesslich macht Hobby for Charity doch werbung damit, dass die Erlöse eins zu eins an die wohltätigen Organisationen gehen, ohne einen Verwaltungs-Wasserkopf bezahlen zu müsssen." "Alles Werbeeinnahmen." grinste sie. "Deswegen habe ich auch keine Skrupel meine üppigen Tantiemen für schicke Hotelzimmer auszugeben. Setz Dich, ich bereite uns ein Amuse-Geule." Er setze sich so an den riesigen Tisch, dass er sie an der Küchenzeile beim werkeln beobachten konnte. "Man muss ziemlich viel Geschäftsgeschick haben, um so viel Geld aus Werbung zu schlagen. Vor Allem, da Sie ja bei Null abgefangen haben." "Ja, ich habe einen festen Stab sehr treuer Experten, die von Anfang an dabei waren. Ganz am Anfang sogar kostenlos, natürlich." "Schlafen sie mit ihnen?" entfuhr es Rob. Sie hielt einen Moment dabei inne, die Melone in Stücke zu schneiden. Dann drehte sie sich langsam um, lehnte sich an die Arbeitsplatte und schaute ihn forschend an. Er spürte wie er unter ihrem Blick errötete. Manchmal einfach die Klappe halten... schalt er sich. "Nicht mit allen." antwortete sie ruhig und stellte die Melone mit Parmaschinken auf den Tisch. "Schlafen Sie mit all Ihren Assistentinnen?" gut, jetzt sind wir also wieder beim sie. bemerkte Rob und als er aufsah, trafen seine Augen auf ihren funkelnden Blick. Funkelnd vor unterdrücktem Lachen. Sie machte sich über ihn lustig! "Prof Hobbs, ich weiss welche Gerüchte über mich kursieren. Die Welt geht mit Frauen, die viel erreicht haben, leider nicht freundlich um. Ich verzeihe Ihnen Ihre Neugier. Er nahm ihr das Glas Weisswein ab, das sie ihm reichte und antwortete: "Ich schlafe auch nicht mit allen meinen Assistentinnen. Vor allem die männlichen hab ich mir abgewöhnt. Aber ich verzeihe ihnen ihre Indiskretion!" Ihr Lachen war warm und echt. Ja, dass diese Frau eine Organsation wie Hobby for Charity ins Leben gerufen hatte, war vorstellbar. Aber dass sie in dem Haifischpool überlebte? Wie machte sie das? Ihm selber war das bisschen Unipolitik ja schon zu viel und das Gerangel um die Forschungstöpfe. Aber deswegen war er ja jetzt auch hier.
"Erzählen Sie mir von Ihrer Idee." forderte sie ihn über ihr Glas Wein auf.


"Pass doch auf!" fluchte Pedro, ihr Skipper. Britt hielt dabei inne, sich mit der gesammelten Ufererde einzuschmieren und drehte sich um. Der Aussenborder spuckte nur noch Dreck und hustete vor sich hin wie ein südamerikanischer Nasenbär. Fenn, der Junge am Lot schaute schuldbewusst zu Boden. "Zu nichts ist dieser Bengel zu gebrauchen!" fluchte Pedro auf spanisch weiter. "Warum habe ich ihn nicht verkauft als er ein Baby war! Für den Preis hätt ich nen tollen Braten bekommen! Und ein Set Angelhaken!" "Weil Deine Frau Dich dann mit dem Besen grün und blau geschlagen hätte bis Du ihr das Kind wieder zurückbringst! UND den Braten!" rief Rob. Britt lächelte. Sie wusste ganz genau wie sehr Pedro in Fenn, seinen 13jährigen Sohn vernarrt war. Ihr Blick blieb an dem Szenario hängen, in dem Vater und Sohn sich bemühten, den Sand aus dem Aussenborder zu schaffen und ein Schatten lege sich über ihr Lächeln. "Emma?" fragte Rob. Brit schaute überrascht auf. "Ja," gestand sie kleinlaut. "ich werde mich nie an die langen Abwesenheitszeiten gewöhnen." "Sie ist jetzt auch 13 oder?" fragte er. "Ja. Und so anders als Fenn. Sie ist laut und kichert und singt den ganzen Tag Musicals. Das treibt uns nahezu in den Wahnsinn!" "Ja, ich kenne das." grinste Rob. "Unsere Zwillinge waren auch noch immer zu zweit dabei und haben sich aufgeschaukelt. Ein Traum, sag ich dir!" Britt lächelte und nahm die ihr mittlerweile so vertraute Hand. gar nicht die Hand eines alten Mannes. Eine kräftige Hand. Eine Hand,m die anpacken konnte. Aber auch eine zarte Hand, die stundenlang schreiben, denken, ausradieren und wieder schreiben konnte. Eine Hand, die...


"Lass mich Dir eine Geschichte erzählen." begann er und nahm ein Stück vom Parmaschinken.
"Von einem Land, in dem es keine Krankheiten gab." Britt rollte die Augen. "Prof Hobbs, ich habe Sie nicht für einen dieser Pharmaspinner gehalten!" sagte sie gekünzelt förmlich. "Lass mich ausreden!" DU... wenn sie Grenzen übertreten konnte wie sie wollte, dann konnte er das auch. Sein fester Blick liess ihr spöttisches Lächeln verstummen.
"In diesem Land wurde wirklich nie jemand krank. Keine Grippe, keine Bauchschmerzen, keine Kopfschmerzen, nichts!"
"Und dann kamen die Bewohner dieses Landes in die Zivilisation und mussten alle kläglich an der Grippe sterben? Oder kam vorher der böse Weiße und hat ihr zuhause niedergebrannt." "Entschuldigung." unterbrach sie sich als sie merkte wie ernst es ihm war und ihre Miene wurde wieder ernst.
"Diesen Landstrich gibt es." bemerkte er. "Ich war selber da." "Und weisst du was das Geheimnis ist? Eine Pflanze?" warf Britt ein. "Natürlich eine Pflanze." entgegnete Rob verärgert, unsicher ob sie sich schon wieder einen Spass aus ihm machte. "Aber diese Pflanze ist kein Allheilmittel im herkömmlichen Sinn. Und da wirds spannend." Britt richtete sich unmerklich auf. "Es handelt sich lediglich um einein krautigen Korbblütler, dessen Blätter sowie Früchte eine für den Menschen optimale Nährstoffkombination haben. Eine dieser Früchte am Tag decken den gesamten Bedarf an Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen sowie sekundären Pflanzenstoffe, Pektine und Ballaststoffe! Das ist eine Sensation!! So viele Zivilisationsleiden könnten gelindert werden!"
Britt runzelte die Stirn,"Also, entschuldige, Rob. Aber mal ganz ehrlich: Ein Stück Regenwald nach dieser Pflanze abzusuchen würde die Region für die Wirtschaft gangbar machen. Und was macht die Wirtschaft bekanntermassen? Zerstören! Und ein Wunderpülverchen aus dieser Pflanze zu verkaufen, nur damit die Nahrungsindustrie uns weiter billigen Plastikpampf zusammenmischen und als nahrhaft verkaufen kann, hört sich für mich einfach nur reichlich falsch an!"


Nach einer quälend langen Stunde war der Motor langsam befreit und sprang wieder an. Erleichtert hielt Britt ihr Gesicht in den leichten Fahrtwind. "Die Hitze ist echt unerträglich," stimmte Rob ihr zu. "Ich war schon immer eher die Skandinavien Urlauberin." bemerkte Britt. "warum müssen Dschungel in Skandinavien auch nur so selten sein?" Rob grinste." Als nächste Tour suchen wir heilsame Mineralien in Island, versprochen!" "Nächste Tour?? Mr Hobbs, wie heisst es so schön: Shame on you if you fool me once, shame on me if you fool me twice! Irgendwie hattest Du mir diesen Trip als 'spannend und extrem heilsam' beschrieben. Wieso merk ich davon nix?" Er knuffte sie in die Seite. "Warte mal ab bis wir den Fluss verlassen müssen und es zu Fuß weitergeht! Dann wirst Du so entspannt sein, dass Dir abends nichtmal die Insekten was ausmachen werden!" Sie spritzte ihm etwas brackiges Flusswasser ins Gesicht. "Sire!" Pedro konnte sich diesen Ausdruck nicht abgewöhnen, irgendwie fand er ihn vornehm. "Nach der nächsten Biegung erreichen wir Malukkar!" "Woher weisst Du das?" rief Britt. "hier deutet nichts auf eine Siedlung hin!" Vater und Sohn schwiegen und grinsten ihr strahlend weisses Lächeln aus den braunen Gesichtern. 2 Minuten später wusste Britt warum. "DAS ist Mallukar?" fragte Rob ungläubig. "Du sagtest doch hier gäbe es das Equipment, das wir brauchen!" Britt sprang sicheren Fusses in den Uferschlamm und zog das dicke Seil die Böschung hoch um es an einem Baum festzubinden. Um sie herum war.... Nichts. Ein paar Hütten, die mit Bananenstaudenblättern gedeckt waren drängten sich um einen festgetretenen gerodeten Platz. Hinter ihnen bahnte sich der Dschungel erneut seinen Weg, den verlorenen Platz schnellstmöglich von den Menschen zurückzuerobern. Menschen waren keine zu sehen. "Ich wär hier glatt vorbeigefahren," sagt Rob als er neben Britt trat.